„Les Poilus – Ist die Freundschaft stärker als Krieg?“ v. Juan Rodriguez u. Fabien Riffaud (Sweet November), Essen Kettwig zur Brücke – Spielevorstellung

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Was kannst und willst du für deine Mitmenschen tun? In welchen Fällen ist es „gut“, Moral über Bord zu werfen? Können sich deine Freunde bedingungslos auf dich verlassen?

Wie weit würdest du gehen um deine Freunde zu beschützen? Und was tun sie für dich?

Die Frage nach der Freundschaft ist eine, mit der sich das Kartenspiel „Les Poilus – Ist die Freundschaft stärker als der Krieg?“ befasst. Les Poilus war eines meiner ganz persönlichen Highlights von der diesjährigen Essener Spielemesse – nicht weil es ein spektakuläres Spiel darstellt, nein. Aber das Thema Krieg ist eines, welchen es sich in der Regel nur schwer zu nähern gilt. Zu leicht lässt es sich in eine stumpfe Zurschaustellung von kriegerischer „Die Guten gegen die Bösen“-Auseinandersetzung abgleiten. Diese Gefahr besteht bei Les Poilus nicht, die Spieleautoren Fabien Riffaud und Juan Rodriguez haben es geschafft, sich sehr behutsam einem brenzligen Thema zu nähern. Das finde ich bewundernswert.

Les Polius ist ein kooperatives Kartenspiel welches für 2 – 5 Spieler ausgelegt ist. Diese schlüpfen in die Rollen von fünf Soldaten des ersten Weltkrieges – zur damaligen Zeit wurden diese als „Les Polius“ (dt.: Die Bärtigen) bezeichnet, was den französischen Titel erklärt. Im Gegensatz zu den europäischen Versionen, wo das Spiel zumeist unter dem englischen Namen „The Grizzled“ zu finden ist, entschied man sich in Deutschland für den Originalnamen.

Doch wie spielt sich der Krieg?

Die Spielmechanik ist simpel. Im Prinzip handelt es sich nämlich um ein einfaches Kartenablegespiel. Also Fast.

Jeder Spieler übernimmt einen der Freunde Charles, Lazare, Gustave, Gaston, Félix und Anselme, welche im Rahmen der französischen Generalmobilmachung am 2. August 1914 in den ersten Weltkrieg einberufen wurden. „Ohne auch nur die mindeste Idee von der Hölle zu haben, die sie erwartet, geben sich die Freunde ein Versprechen: Sie werden in dem, was auf sie zukommt, zusammenhalten und gemeinsam zurückkehren“, so heißt es direkt zu Anfang des stimmig gehaltenen Booklets, welches sowohl die Geschichte der Freunde kurz darstellt, die Intention der Macher als auch die Regeln mitliefert.

20161218_190854Das „Schlachtfeld“ wird dargestellt durch zwei Stapel an Karten. Der eine Stapel beherbergt die Bedrohungen, der andere symbolisiert die Moral, welche die Spieler noch für sich vereinen. Die Karten auf den Stapeln sind so gestaltet, dass sich auf ihnen bis zu sechs verschiedene Bedrohungsarten befinden: Nacht, Regen, Schnee, ein Giftgasangriff, eine Granate oder eine Pfeife – dem Signal zum Angriff. Außerdem befinden sich verschiedene Traumakarten in dem Kartendeck, welche die Spieler mit weiteren Einschränkungen hadern lassen können.

Im Verlauf des Spiels teilt der Einsatzleiter eine von ihm bestimmte Anzahl der Bedrohungskarten aus. Jeder Spieler hat nun die Möglichkeit, eine seiner Karten auszuspielen und ins „Niemandsland“, dem Spiel- bzw. Kampffeld zwischen allen Spielern, abzulegen. Dabei darf niemals eines der Symbole auf den Karten häufiger als zwei mal vorkommen. Passiert dies doch, ist der Einsatz sofort verloren.

Außerdem gibt es noch sogenannte Traumakarten. Diese müssten vor dem Spieler abgelegt werden. Sie bleiben dauerhaft ausliegend und sorgen für ein weiteres, ausgespieltes Bedrohungssymbol. Hat ein Spieler also ein Nacht-Trauma erlitten, gilt die Nacht als dauerhafte Gefahr für die ganze Truppe, welche nunmehr eines der entsprechenden Symbole weniger im Niemandsland liegen haben darf.

Ist ein Einsatz gescheitert, sinkt die Moral. Die Spieler müssen Karten vom Moralstapel auf den Bedrohungsstapel nachlegen. Ist irgendwann der Moralstapel aufgebraucht und die unterste Karte sichtbar, offenbart sich das Schicksal der Kameraden: Ein Kriegsdenkmal, eingraviert mit den Namen der Spieler. Das Spiel ist verloren. Ein Krieg heißt immer auch Tod.

Um es nicht soweit kommen zu lassen haben die Spieler noch weitere Aktionsmöglichkeiten. Jeder Charakter hat einen Glücksbringer. Jeder seinen eigenen, jeder für eine der sechs Gefahren. Dieser erlaubt es, eine der entsprechenden Bedrohungskarten abzulegen und aus dem Spiel zu entfernen.

Auch kann sich ein Spieler jederzeit zurückziehen und einem der Mitspieler verdeckt seine Unterstützung zu erklären.

Auch wenn dies ein kooperatives Spiel ist, so sollen die Spieler nicht über ihre Spielaktionen sprechen. Das beeindruckende Element in diesem Spiel besteht also daraus, aus den Aktionen der Spieler zu schließen, was sie vorhaben, mit welchen Bedrohungen sie zu kämpfen haben oder welcher Spieler die größte Unterstützung nötig hat. Am Ende einer Spielrunde werden die Unterstützungsmarker (die sogenannten Rückhaltplättchen) ausgewertet. Hat ein Spieler eine Mehrheit dieser erhalten, darf er sich seinen Glücksbringer zurückholen oder zwei Traumakarten ablegen.

Ist eine Mission erfolgreich, sind also alle Karten ausgespielt oder alle Spieler haben sich zurückgezogen bevor die Mission scheitern konnte, werden alle Karten aus dem Niemandsland entfernt. Hat die Truppe es geschafft, mehr Karten vom Bedrohungsstapel zu entfernen als draufgelegt wurden, schrumpft die Anzahl der Bedrohungen, bis dessen unterste Karte sichtbar ist:

Die Friedenstaube, das Symbol für das Ende dieses Krieges. Der Friedensvertrag ist unterschrieben, der grausame Krieg überlebt und das Spiel gewonnnen. Ich möchte nicht schreiben „Der Krieg ist gewonnen“, denn darum geht es nicht. Bei all diesen Einsätzen spielt es zum Glück überhaupt keine Rolle, wem diese Angriffe dienen, gegen wen Krieg geführt wird oder was hätte erreicht werden sollen – der Autor des Spiels, Juan Rodriguez, sagte zu mir auf der Spielemesse in Essen dieses Jahr, dass alle Soldaten nur eines eint: „Sie wollen überleben.“ – und das steht prägend für dieses Spiel.

In den wenigen, schön illustrierten Bildern des Spielmaterials und der Karten kommen somit auch überhaupt keine kriegerischen Zeichnungen vor. Man sieht die Charaktere wie sie lesen, wie sie rauchen oder warten. Keine Gewalt. Und das ist schön anzusehen. Die Zeichnungen stammen vom französischen Zeichner Tignous – einem der getöteten Menschen beim Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im vergangenen Jahr. Die Illustrationen sind zwar in einem Comic-Stil gehalten, aber das darf man nicht mit schön poppigem Artwork verwechseln. Eher stößt man hier auf diesen typischen französischen Stil der Zeichenkunst, wie man ihn vielleicht von Tim & Struppi oder aktuellen Graphic Novell Büchern kennt.

Wie vorhin erwähnt, die Mechanik ist nichts besonderes. Ein relativ simples Kartenablegen, gestützt durch schöne Illustrationen. Aber was macht dieses Spiel? Mich beeindruckt an Spielen generell ja eh eher ein besonderes Thema. Dieses ist mir persönlich wichtiger als eine ausgeklügelte Mechanik, so auch hier. Das Spiel lebt mit seiner berührenden Geschichte. Es gehört als Spieler zwar immer noch einiges hinzu so in die Umstände einzutauchen und sich in die Lage zu versetzen. Natürlich ist ein Kartenspiel niemals eine Abbildung eines realen Kriegsgeschehens, zum Glück muss man sagen. Was das Spiel allerdings sehr gut schafft abzubilden ist eine gewisse Hilflosigkeit. Gerade durch den Clou, das man während des Spiels nicht über seine Karten reden oder Andeutungen machen darf lässt einen leidvoll spüren, dass man in der Tat auf seine Mitspieler und deren Aufmerksamkeit angewiesen ist. Unabhängig vom Ausgang bleibt auf jedenfall nach Spielende ein total Gefühl der Leere zurück. Ob an dem Gerücht, dass kein deutscher Verlag dieses Spiel veröffentlichen wollte und es deswegen von Sweet November selbst auf deutsch herausgebracht werden musste, weiß ich nicht – dieses schwebt auf jedenfall schon einige Zeit durchs Internet.

Doch ist Les Poilus allein durch das schwer-düstere Thema und seine Herangehensweise ein Spiel, welches gar nicht darauf ausgelegt ist Spaß zu verbreiten. Es lässt einen zurück mit diesem Gefühl alleine und auf Hilfe von anderen angewiesen zu sein. Und das was es versucht darzustellen, das macht es perfekt. Wer auf einer der Spielemessen den Sweet November Stand sieht oder eine andere Möglichkeit findet dieses Spiel zu kaufen, sollte es wagen.

„Les Poilus – Ist die Freundschaft stärker als Krieg?“
von Juan Rodriguez u. Fabien Riffaud (Sweet November)
2 – 5 Sp. Dauer: ca. 15 – 30 Minuten.
In Deutschland nur über den französischen Verlag zu bekommen unter:
http://www.lespoiluslejeu.fr/

Mittlerweile ist mit „Zu Befehl“ auch eine Erweiterung zum Spiel erschienen.
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Zum Hintergrund:

Heute vor 100 Jahren, am 19. Dezember 1916 endete nach über 300 Tagen das bis dahin schlimmste Gemetzel in der Kriegsgeschichte: Die Schlacht von Verdun. Bei den Kämpfen um die französische Festung Verdun starben im Ersten Weltkrieg mehr als 700.000 Menschen, sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite sind bis heute hunderttausende Schicksale ungeklärt. Über das gesamte Essener Stadtgebiet befinden sich Dutzende von Gedenk- und Erinnerungsdenkmälern sämtlicher Kriegszeiten. Viele davon erschienen mir allerdings zu martialisch oder grenzten schon sehr stark ans Nationalistische. Letzten Endes entschied ich mich für diesen sehr zurückhaltenden Gedenkstein in Essen-Kettwig. Nahe der Kettwiger Brücke befindet sich dieser in einer kleinen Grünanlage.
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