Leidensgeschichten – „Agricola“ von Uwe Rosenberg (Lookout Spiele) – ganz persönliche Eindrücke

20170221_235958„Ich hab Depressionen. Vor einigen Wochen hab ich mich selbst in die Tagesklinik einweisen lassen und werde nun mit einem Psychologen meine Therapie in Angriff nehmen“ – mein bester Freund, ein Überhaupt-nicht- und Noch-nie-Brettspieler hatte mich eiskalt mit diesen Worten erwischt. Seit einiger Zeit hatte er sich bereits zurückgezogen, das merkte ich zwar, aber natürlich dachte ich mir nix weiter dabei. Jeder hat schließlich so seine wechselhaften Launen, hat seine Hobbies und seinen Freundeskreis und ist berufstätig und im Stress. Umso mehr rechnete ich ihm diese Selbsterkenntnis an. Ich hab selbst meine diversen Vorerfahrungen im Bereich psychischer Erkrankungen, habe diverse andere Bekanntschaften kennen, lieben und verfluchen gelernt. Ob diese nun auch von einem studierten Fachmann als Depressiv definiert werden würden weiß ich nicht und mochte ich auch nie bewerten – aber etwaige Gedankenspiele sind in meinen Freundeskreisen ein Thema, welches mich schon seit Jahren begleitet. Noch dazu saß ich vor einigen Jahren selbst eine handvoll mal einem Psychologen gegenüber, da mich diverse Dinge beschäftigten, mit denen ich alleine nicht zurechtgekommen wäre. Umso mehr, ich betone es gerne nochmal, rechne ich diesem Freund an dass er die notwendigen Schritte gezogen hat. Depressive sind Meister des Verstellens und Täuschens – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Selbstschutz. Irgendwie ist dies ja auch eine Form des Spielens, wenn auch nicht unserer schönen Brettspiele, sondern mehr des Rollenspiels.

Auf jedenfall, darauf wollte ich hinaus, hinterfragt man sich als bester Freund in solchen Momenten selbst und überlegt, wie man seinen liebgewonnenen Nahesten helfen kann, wie schafft man es dem Gegenüber aus einem Tief herauszukommen? Man versucht die wenige Zeit die man neben der Arbeit hat, diesen Personen zu widmen, verbringt Zeit miteinander, geht Spazieren und schlägt Brettspielabende vor. Ich weiß was es heißt wenn man mit seiner Zeit nix anzufangen weiß. Zu meinen Stimmungstiefs hatten einige Freunde plötzlich keine Zeit mehr für mich, die Arbeit stresste mich und ich stresste die anderen. Da nützt alle Liebe der Freunde und Familie auch nichts, wenn man in einem Loch sitzt, mit allem überfordert und unzufrieden ist und sich von nur einer Person verlassen fühlt, die eigentlich in diesem einen Moment hätte für einen da seien sollen. In so Momenten wird es immer schwieriger, dort aus dem Stimmungsloch wieder rauszukommen.

img-20170217-wa0000Da ich meinem schon Freund unterstelle, hochintelligent zu sein, wahlweise sehr grüblerisch oder denkstark, fielen mir relativ schnell einige Spiele ein, welche genau in seine Interessensgebiete fallen könnten und dennoch relativ schnell erklärt werden können. Er sollte sich aus diesen Spielen die aussuchen, die ihn irgendwie ansprachen: Letztendlich wurde es Agricola von Uwe Rosenberg, DEM Klassiker aus dem Hause Lookout Spiele, welches ihn in „meine Welt“ der Brettspiele einführen sollte. Ich erzählte euch die eine Leidensgeschichte, und Agricola erzählt euch eine andere:

Agricola ist ein sogenanntes Worker Placement Spiele – der Arbeitereinsetzmechanismus in diesem Spiel zeichnet sich dadurch aus dass jeder Spieler pro Spielrunde eine bestimmte Anzahl an Aktionen zur Verfügung hat, welche abwechselnd getätigt werden müssen. Besetzt ein Spieler ein Aktionsfeld, ist dieses für den anderen Spieler blockiert. Die Aktionsfelder in Agricola sind entweder Rohstofffelder, welche zB Baumaterialien, Tiere oder Nahrung beschaffen, oder lösen eine Tätigkeit aus. Die Baumaterialien (darunter fallen so Dinge wie Holz, Steine, Lehm oder Schilf) können genutzt werden um mit den entsprechenden Aktionsfeldern sein Bauernhaus zu erweitern, Öfen oder Ställe und Zäune zu bauen. Unter die Tätigkeiten fallen ebenso das Säen von Saatgut, das Pflügen von Feldern oder das Kinderkriegen. Startet jeder Spieler zu Beginn mit zwei Personen, sorgt jede weitere Person für eine zusätzliche Aktion. Wie das mit dem Kinderkriegen funktioniert muss ja nicht erklärt werden – wohl aber besteht natürlich Fragebedarf, warum diese Aktion blockiert werden kann. Nur eine Frau für´s ganze Dorf? Im Solo-Modus ist das ja noch moralisch einwandfrei, aber mit Erweiterung ist das Spiel mit bis zu 6 Personen spielbar, ab da wird es dann doch langsam heikel. Aber nun gut, wir legen den Mantel des Schweigens über dieses Thema. Diese Personen müssen auch noch alle ernährt werden, Nahrung ist knapp, Supermärkte gab es noch nicht und Selbstversorgung ist daher das A und das O in Agricola . 20170220_200928

In Agricola geht es nun also darum, diese unterschiedlichen Aktionen möglichst sinnvoll miteinander zu kombinieren. Da zum einen der Gegner gegen einen spielt als auch die Zeit (es werden 14 Runden gespielt), gilt es möglichst von Anfang an seine Strategie vor Augen zu haben, aber flexibel auf die Spielentwicklungen zu reagieren. Mein Freund kann und liebt solche Dinge, plant alles blitzschnell durch und grübelt schon mehrere Züge im Voraus. Ich liebe es, wenn ich mir selbst gewisse Routinen in Spielen erarbeiten kann welche ich spontan abrufe, wenn ich meine Spielweise immer und immer wieder optimiere und mich verbessere.

img-20170213-wa0000Ich habe Agricola nun schon mehrfach alleine und zu zweit gespielt, auch mehrmals hintereinander mit erwähntem Freund, und weiterhin ist Agricola eines der besten Spiele unserer Zeit. Mir selbst liegt die aktuellste Neuauflage des Spiels vor, welche ich wirklich sehr begrüße. Ich hatte mir vor einiger Zeit mal eine der Vorgängerversionen zugelegt, welche im Vergleich deutlich unübersichtlicher und friemeliger daherkam. Die Spielplanteile der 2016er Auflage sorgen für einen sehr aufgeräumten Look, die Illustrationen von Klemens Franz sind aufgehübscht worden, ohne einen typischen Charme zu verlieren. Sein Zeichenstil gehört halt auch 10 Jahre nach dem Ersterscheinen immer noch zu Agricola dazu (das er ihn konsequent auch bei fast jedem anderen Spiel danach genauso anwendete ist eine andere Geschichte).

Ich liebe Agricola wirklich sehr, auch nach mehreren Partien spielt es sich jedesmal anders, jede Partie besitzt für mich einen enormen Anreiz, wieder ein Siegpünktchen mehr zum Spielende verzeichnen zu können. Da es für wirklich ALLES Siegpunkte gibt, für seine Rohstoffe, für Tiere, für Felder, Weiden, gibt es auch nicht die eine perfekte Strategie. Alles kann immer noch weiter optimiert werden. Doch viel mehr als diesen Umstand liebe ich, wenn Brettspiele wie Agricola es schaffen, geliebte Menschen aus ihrer Depression zu begleiten. Denn für mich zählt eines viel mehr als „nur“ der reine Spielspaß und das Gewinnen im Spiel. Für mich zählt das Spielen selbst. Wenn ich dadurch einem betrübten Menschen eine schöne Zeit bereiten kann, dann genieße ich auch das Verlieren.

In absehbarer Zeit plane ich auch, einen Artikel mit erwähntem Freund aufzubereiten, in welchem es um seine Perspektive als Neueinsteiger auf ein komplexes Spiel wie Agricola geht.

Hauptsache die Tiere haben Spaß.20170220_164637

„Agricola“ von Uwe Rosenberg (Lookout Spiele)

1 – 4 Spieler ab 12 Jahren. Dauer: 60 Minuten/Spieler

Agricola ist u.a. erhältlich in Essen bei:
http://www.allgames4you.de/epages/AllGames4you.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/AllGames4you/Products/LO027

Hintergrund:
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Um den Kopf frei zu kriegen gehe ich desöfteren spazieren und bringe regelmäßg Fotos von meinen Unternehmungen mit. Eines meiner liebsten Ziele zum Spazieren ist der Herminghauspark in Velbert – hier ansässige Wildschweine und Schafe erinnern mich regelmäßig an Agricola und geben tolle Fotomotive ab.

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2 Kommentare zu „Leidensgeschichten – „Agricola“ von Uwe Rosenberg (Lookout Spiele) – ganz persönliche Eindrücke“

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