„Haspelknecht“ v. Thomas Spitzer (Quined Games) – ein Spiel welches die Luft des Kohlenpotts atmet, lebt und liebt .

haspelWer im Ruhrgebiet aufwächst, wer den sonntäglichen Familienspaziergang mit der Familie zwischen Baldeneysee und Kemnader See verbracht hat, der weiß die Vorzüge des Pott als Wanderregion zu schätzen. Kaum eine Gegend ist so idylisch wie die weiten Landschaften um Städte wie Essen, Hattingen, Bochum und Witten. Seit früher Kindheit trieb es mich Woche für Woche gemeinsam mit den Eltern und meinem Bruder um die Seen und die Naturschutzgebiete, ließ uns Denkmäler erkunden und Geschichte erleben.

Das sind sowieso Dinge, die mich auch heute noch interessieren. In dieser Häufung und auf so engem Raum miteinander verwachsen finden diese sich nirgendwo so wunderschön harmonierend wie in „meinem“ Pott. Die Natur direkt neben der Industrie, die Geschichte neben der Kultur. Im Wittener Muttental befindet sich all dies, also zog es mich dorthin. Das Muttental beherbergt mit dem Bergbauwanderweg gelebte Geschichte und Industrie pur, welche hier mit der Natur in friedlicher Gemeinsamkeit lebt. Hier wurde im 16. Jahrhundert die erste Kohle des Ruhrgebiets gefunden, hier lassen sich heute an über 30 Stationen alte Stollen, Zechengebäude und Gerätschaften anschauen, hier befindet sich alles, was das Tal zum Ursprung des Kohlebergbaus macht. Vorallem aber zündete hier ein junger Knecht einst inmitten einer Kuhle ein Feuer an und wunderte sich, wie ungewöhnlich lange dieses brannte – er hatte Kohle gefunden. So zumindest eine Legende, welche einen 10 km langen Bergbauwanderweg umringt. Und hier ist auch der „Haspelknecht“ angesiedelt.

stolleneingang„Haspelknecht“, das bereits dritte Spiel von Thomas Spitzer welches sich des Bergbau-Themas im Ruhrgebiet annimmt, handelt genau von dieser Entdeckung des Knechtes, von der Entdeckung über die Förderung der ersten Kohlevorkommen und den ersten Kohleminen des Potts. Nicht nur ein aufgesetztes Thema, nein. Anders als in vielen anderen Eurogames lebt dieses von seinem Thema – generell beginnt sein Autor, Thomas Spitzer, die Entwicklung seiner Spiele immer mit seinem Thema und überlegt sich erst dann, wie sich das am besten im Regelwerk umsetzen lässt. In diesem hier vorliegenden Quined Games Titel treffen wir auf ein Worker Placement Spiel mit Aktionspunktesystem. Die Spieler wählen aus einem sich regelmäßig ändernden Vorrat an verschiedenfarbigen Aktionssteinen aus, welche anschließend auf ihre zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte aufgeteilt werden müssen.

Je nachdem und in welchem Maß man sich für Knecht oder Bauer, Leiharbeiter oder Haspelknecht entscheidet und welche Aktionssteine man dafür benutzt, produzieren diese andere Dinge – dazu kommt, dass die Farben auch Aufschluss geben über das jeweilige Erzeugnis. Thematisch gesehen kann man diese noch am ehesten als Werkzeuge interpretieren: Schwarz für Unter-Tage-Bau, Braun für Holz-Arbeiten und Gelb für die Nahrungsgewinnung.

In Händen des Bauern werden diese Aktionssteine dann zum mächtigsten Mittel. Er kann sich mittels dieser auf einem individuell zusammengestellten Errungenschaftenfeld ausbreiten und drückt dem Spiel seinen Stempel auf. Da sich die Anzahl der Errungenschaften an der Spielerzahl orientiert hatte ich beim Lesen der Anleitung so meine Bedenken – auch ein bei Youtube veröffentlichtes Review nährte die Furcht, dass ein Spiel ohne „Vollbesetzung“ sich gekürzt anfühlen könnte. Das zerschlug sich dann allerdings in sämtliche Einzelteile. Da es sowieso gar nicht möglich ist, alle Errungenschaften in einer Partie zu erwerben bietet die begrenzte Auswahl sogar noch eine deutlich Abwechslung bei steigender Komplexität, als wenn, wie im 4 Spieler-Spiel, alle gleichzeitig ausliegen.

Oder würde sich bei Agricola jemand beschweren, dass nicht alle 150 Karten gleichzeitig im Spiel sind? Dazu kommt dass die Errungenschaften natürlich immer teurer werden und nur die teuersten am Ende Bonuspunkte in Verbindung mit dem Kohlestollen liefern. Der Spieler steht vor der ganz großen Herausforderung seine geringen Resourcen sinnvoll zu nutzen, sich zwischen Produktion oder Weiterentwicklung zu entscheiden.

Neben dem Errungenschaftenfeld müssen die Spieler nämlich auch ihren Hofplan im Auge behalten. Dieser zeigt die Arbeitskräfte und den erwähnten Kohlestollen. Vom oberflächlichen Kohlevorkommen (die sogenannte Pinge) buddeln sich die Spieler immer tiefer unter die Erde, um an die dortigen Kohlebrocken zu gelangen. Diese müssen sodann geschlagen und mittels Haspel an die Erdoberfläche befördert werden. Es gibt viel zu tun, hier im frühen Ruhrgebiet. Auf die Punktewertungen und die zahlreichen Möglichkeiten die das Spiel noch bietet möchte ich gar nicht zu sprechen kommen, das wäre zu viel. Wichtig ist aber, dass die Regeln sehr ausführlich in einem hübsch illustrierten Regelwerk daherkommen, zahlreiche Beispiele genannt werden und sich das ganze sehr sauber und flüssig liest. Noch dazu liegen der Schachtel die Regeln in vierfacher Ausführung vor – neben der deutschen Sprache findet der Spieler ein eigenes Heft in englischer, französischer und niederländischer Sprache. Alle im gleichen tollen Artwork, mit den gleichen Beispielen und Grafiken. Vorbildlich, wie ich finde. Die Illustrationen stammen dabei aus der Feder von Johannes Sich und, ganz ehrlich, ich liebe sie. Johannes Sich hat einen sehr eigenen Stil, vorallem seine Charaktere kommen sehr rauh gezeichnet und stark akzentuiert daher, wenige, dafür sehr markante Details in den Gesichtern und Landschaften tun ihr übriges. Die Grafiken auf den Spielplänen wirken genauso stimmig, dazu sind regeltechnische Details klasse umgesetzt und lassen sich bei ihrer Kenntnis sofort dem Spielmaterial entnehmen.

Ich muss noch fix gestehen dass ich nicht sonderlich gut in dem Spiel bin, dass ich verglichen mit dem, was ich von Thomas Fedder gesehen habe, noch absolut weit davon entfernt bin, mich als guten Spieler zu bezeichnen ist mir auch bewusst. Aber Haspelknecht bietet mir genau das, was ich an guten Spielen so wertschätze: Ganz viel Abwechslung, zich verschiedene Möglichkeiten sein Spiel zu spielen, seine Aktionen zu optimieren und wieder ein Pünktchen mehr im Spiel gegen seine Kontrahenten zu erlangen. Ich liebe dieses Optimieren und kennen lernen, ausprobieren und verbessern – das habe ich bei Agricola geliebt, bei Arler Erde oder bei Funkenschlag. Aus ganz wenigen Möglichkeiten ganz viel und immer mehr (Siegpunkte oder Geld) herauszuholen – das ist die Formel, welche mich an einem Spiel begeistert. Natürlich neben dem Thema, welches mich begeistern muss. Und das schafft Haspelknecht sowieso. haspel2

Ein wundervolles, stimmiges Thema ist das A und O, es steht für mich noch über einer ausgefuchsten Mechanik oder der Grafik als absoluter Kaufgrund. Man merkt diesem Spiel an, wie sehr sein Autor Thomas Spitzer das Thema und die Bergbaugeschichte liebt. Alles was er hier abbildet passt so wundervoll ins Bild. Haspelknecht atmet, lebt und liebt die Luft des Kohlenpotts. Wer auch nur ein Minimum Interesse an komplexen Expertenspielen hat, wen das Thema reizt, wer gerne sein eigenes Optimierungspotential unter Versuch stellen möchte oder schlichtweg dieses Artwork so liebt wie ich, der darf sich gerne auf die Suche nach diesem Kleinod begeben. Für alle anderen gibt es ja immer noch den Bergbauwanderweg im Muttental, Witten. Etwas Entspannung in der Natur, Heimatgeschichte und Bewegung tun ja auch ganz gut. 

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3 Kommentare zu „„Haspelknecht“ v. Thomas Spitzer (Quined Games) – ein Spiel welches die Luft des Kohlenpotts atmet, lebt und liebt .“

  1. […] Auf deine Empfehlung hin hab ich für das Erleben des Haspelknechtes den Museumswanderweg im Wittene… Hast du einen weiteren Tipp, was bietet sich an um „The Ruhr Valley“ zu fotografieren und kennen zu lernen? TS: Im Grunde sind wir weiterhin in der selben Region, nur einige Jahre später. Auf einem der Plättchen ist auch eines der Ruhrschiffe zu sehen, welches den Bogen zur Ruhrschifffahrt schlägt. Wenn man diese Region besichtigen möchte bietet sich das Muttental weiterhin an, vorallem die Museen dort. Wobei das Museum an der ehemaligen Zeche Nachtigall sogar eine komplette Ausstellung zum Thema Ruhrschifffahrt hat. In deren Rahmen hat man die Möglichkeit auf eines der Kohleschiffe zu steigen, welches dort nachgebaut wurde. […]

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  2. […] Genau wie ich trieb sich Oliver vom Blog bretterwelten.de sich auf den Ratinger Spieletagen am Tisch von Spieleautor Thomas Spitzer herum. Genau wie ich war er von Thomas´Schaffen begeistert und genau wie ich hat er sich dessen „Ruhrtal“-Erweiterung für den Haspelknecht noch vor Ort gekauft. Im Gegensatz zu mir hat er sich aber in Ratingen auf eine Partie der neuen Erweiterung mit dem Autor und Stefan aus den Niederlanden eingelassen – mit beiden spielte ich wiederrum eine Partie eines neuen Prototypen, welchen ich beizeiten noch kurz vorstellen werde. Umso schöner dass sich Oliver bereit erklärte,  ein paar Worte für die Neuerscheinung zu verfassen. Ich hab ja bereits zur Genüge  liebevoller Worte für den Haspelknecht gefunden.   […]

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