„Kohle & Kolonie“ v. Thomas Spitzer (Spielworxx) – 200 Jahre Ruhrgebiets(ge)schichten

kohlekolonie Mehrere 100 Millionen Tonnen geförderte Steinkohle pro Jahr, weit über 1000 Zechen und Stollen, bis zu 500.000 Beschäftigte „über Tage“ und „unter Tage“ und eine über 1000 jährige Geschichte prägen den Bergbau des Ruhrgebietes – Urkundlich ist ein erster Kohlebergbau für Dortmund im Jahre 1296 erwähnt, schon vorher wird es die ersten Schürfungen ohne diese Aufzeichnungen gegeben haben. Riesige, unvorstellbare Zahlen, welche den Ausmaß und die Bedeutung dieser traditionsreichen Geschichte dennoch bloß erahnen lassen. Klar ist allerdings dass ein Brettspiel, welches diese Geschichte abbilden will, nur ein Schwergewicht seien kann. „Kohle & Kolonie“ von Thomas Spitzer ist ein solches – und veröffentlicht wurde es 2012 im Spielworxx Verlag. Neben dem Nachfolger Haspelknecht (Quined Games) und dem Vorgänger Ruhrschifffahrt (ebenfalls Spielworxx) bildet es den Mittelteil der sogenannten „Kohle-Trilogie“ von Thomas Spitzer – einer Serie von drei Spielen welche sich intensiv dem Thema Kohlebergbau widmen.

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Kohleschwarze Illustrationen bilden das Artwork von Harald Lieske zu „Kohle & Kolonie“

Tiefschwarz kommt es daher, diese Rarität. Längst ausverkauft bin ich dennoch glücklich, es vor kurzem noch neu und originalverpackt erworben haben zu können. „Kohle & Kolonie“ bildet dabei zwar nur rund 200 Jahre Ruhrgebietsgeschichte ab, orientiert sich dabei allerdings erneut sehr nah an originalen geschichtlichen Fakten. Es beginnt ca. im Jahre 1700 zu einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs im Ruhrbergbau. Gerade im südlichen Teil des Pottes um die Städte Essen, Bochum, Witten und Hattingen entstanden zu dieser Zeit etliche Zechen, welche das Leben in der Region für immer prägen sollte. 45 dieser Zechen finden sich namentlich in „Kohle & Kolonie“ wieder, aufgeteilt auf die vier genannten Städte. Darunter finden sich so bekannte Zechen wie die „Friedlicher Nachbar“ in Bochum, die „Hamburg & Franziska“ in Witten sowie die „Altendorf Tiefbau“ in Essen. Vornehmlich ist es allerdings tatsächlich die Stadt Bochum, welche hier im Mittelpunkt steht. Immerhin die Heimatstadt des Autors Thomas Spitzer.

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Essen (orange, Bochum (blau), Hattingen (lila) und Witten (grün) bilden den Spielplan von Kohle & Kolonie. Der Spielplan zeigt desweiteren unter anderem die Spieler- und Aktionsreihenfolge, zahlreichen Zechen und Eisenbahnlinien, die Arbeitersiedlungen und weitere spielrelevante Informationen.

Gespielt wird in fünf Spielrunden, welche immer aus der gleichen Reihenfolge von Aktionsphasen bestehen. Generell haben die Spieler die Wahl eine der Zechen zu erwerben, Siedlungen zu bauen sowie Bergingenieure oder Grubenkumpel einzusetzen und zu bewegen. Eingesetzt werden können diese in unterschiedlichsten Bereichen:

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In fünf verschiedenen Übertage-Betrieben lassen sich die eigenen Arbeiter einsetzen.

Als Arbeitskräfte betreiben sie die Zechen der Spieler oder arbeiten in fünf verschiedenen Übertagebetrieben. Je nach Einsatzort bringen diese weitere Boni, sorgen Kokerei, Eisenhütte, Verladung, Verwaltung oder Belegschaft für höhere Einnahmen, Siegpunkte oder andere Vorteile. Da für den Abtransport der geförderten Kohle die Eisenbahnstrecken im Ruhrgebiet von größter Bedeutung waren, können sowohl dort die Arbeiter eingesetzt werden auch als Grubenwehr zum Schutz vor Unglücken. Regelmäßig besteht nämlich das Risiko, Opfer eines solchen zu werden. Selbstverständlich, der Bergbau war nie sicher vor Katastrophen und Einstürzen, die Gefahr eines solchen gehört ebenso zur festen Reihenfolge an Spielphasen wie die sogenannte Konsolidierung von kleineren Zechen.

„Kohle und Kolonie“ hält sich hier ganz nah an der Historie: Zwar sind im Spiel keinerlei Jahreszahlen genannt, aber relativ genau lassen sich die einzelnen Daten zwischen 1720 und 1920 einordnen, zu denen kleinere Bergwerke zusammen mit ihren Nachbarzechen zu größeren Betrieben vereinigt wurden – das sogenannte Rheinisch-Westfälische Kohle-Syndikat, ein KI-Mitspieler auf welchen sich das Regelwerk beruft, sorgt hierbei mit seinem eigenen Vermögen für ganz schön Bewegung auf dem Markt und tritt in einer Auktionsphase gegen die Mitspieler an. Erkaufte oder ersteigerte Zechen bringen hierbei ebenfalls sowohl Geld als auch Siegpunkte. Sie kosten mitunter aber natürlich auch reichlich.

Ich möchte allerdings wie immer gar nicht groß auf die wirklich sehr ausführliche Spielanleitung eingehen, welche mit 28 Seiten wirklich prallgefüllt ist mit Infomationen, Regeln und Beispielen. Diese sind allerdings auch wirklich nötig, „Kohle & Kolonie“ ist kein Spiel für zwischendurch, bereits laut Autor ist es auf 2 bis 3 Stunden angelegt, als Einsteiger können es auch bis zu 4 Stunden sein – dabei sind die Regeln gar nicht mal so kompliziert und auch gut geschrieben. Nur bietet das Spiel so viele klitzekleine und vielschichtige Möglichkeiten, welche sich erst nach mehrmaligem Spielen wirklich überblicken lassen. Als empfehlenswerte Hilfestellung hat Spielworxx auf seiner Internetseite eine zweiseitige Kurzzusammenfassung der Spielphasen in seiner Download-Sektion bereitgestellt, welche gerade am Anfang von ganz großem Nutzen ist.

Das sollte jetzt niemanden mehr überraschen, aber sowohl im spielerischen als auch im privaten Bereich liebe ich dieses Ruhrbergbau-Thema. Gemeinsam mit diesem vereint Thomas Spitzer hier in Kohle & Kolonie ein historisch genaues Wirtschaftsspiel, bietet Worker Placement Elemente und einen Auktionsmechanismus sowie eine schlichte und dennoch schöne Grafikgestaltung, die etwas an Funkenschlag erinnert. Auch in anderen Bereichen kann man Kohle & Kolonie mit Funkenschlag vergleichen. Es ist von seinem Schwierigkeitsgrad her zwar noch oberhalb dieses Wirtschaftsspielklassikers angesiedelt (ein weiteres meiner Lieblingsspiele), könnte dessen Fans allerdings definitiv gefallen und überzeugen. Es bietet kaum Zufalls- oder Glückselemente, lässt sich allerdings durch die enorm hohe Vielfalt an Möglichkeiten auch kaum ausberechnen.  Jede kleinste Entscheidung bietet weitreichende Konsequenzen auch noch für die kommenden Runden. Wer fordernde, enge Spiele mag, wird Kohle & Kolonie lieben. Wer sich dem Thema so verbunden fühlt genauso. Wer Wirtschaftsspiele mag wird ebenso begeistert sein wie diejenigen, die nicht genug von Auktionsspielen kriegen können. Und wer es haben will wird hoffentlich Glück haben es irgendwo zu finden. Kohle & Kolonie gilt als ausverkauft, der US-Verlag Capstone Games liebäugelt allerdings mit einer Neuveröffentlichung, wie er unlängst auf seiner Internetseite andeutete. Hoffen wir das beste. Für den Verlag, den Autoren und natürlich für die Spielerschaft.

„Kohle & Kolonie“ von Thomas Spitzer (Spielworxx Spiele)

3 – 5 Spieler ab 12 Jahren. Dauer: ca. 3 Stunden

Hintergrund:

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Ich bin was die Themen in meinen Lieblingsbrettspielen angeht ein kleiner Fetischist und verrückter Narr. Ich liebe es, in ein Thema komplett einzutauchen. Bei Kohle & Kolonie gipfelt dass darin dass ich mittlerweile die Wikipedia-Beiträge einer jeden einzelnen Zeche durchgelesen und auch etliche Fotos von denen angesehen hab. Viele der lokalen Zechen sind ja leider überhaupt nicht mehr existent. Eines der im Spiel vorkommenen ehem. Bergwerke ist zB die Zeche Heinrich in Essen. Auf dem Weg zum Brettspieleladen AllGames4You führt es mich regelmäßig an dieser vorbei, weswegen sie es mir besonders angetan hat und hier Erwähnung finden soll.

20161230_143447Das komplette Grubenfeld der früheren Steinkohlezeche Heinrich erstreckte sich von Essen-Überruhr bis nach Byfang und kurz vor Burgaltendorf an der Langenberger Straße. Seit 1810 wurde ein Förderstollen dort vorangetrieben, ab 1827 begann der aktive Bergbau unter Tage. Unmittelbar am Flußufer des Ruhrtals steht auch heute noch das weithin sichtbare Fördergerüst. Für den Abtransport der Kohle nutzte man den Wasserweg über die Ruhr und ab 1847 die neu gebaute Prinz-Wilhelm-Eisenbahn. 1861 waren 360 Mitarbeiter hier beschäftigt. Im Jahr 1966 galt Zeche Heinrich als eine der größten Schächte des Ruhrpott. Über 3000 Beschäftigte und ca. 960.000 Tonen Kohle sind dort die nennenswerten Zahlen. Heute wird die ehem. Zeche Heinrich von der Ruhrkohle AG zur Grubenwasserregulierung genutzt.

Das Titelbild dieses Beitrages stammt von Danny Giesner. Danny betreibt mit Wahlheimat.Ruhr einen lesens- und sehenswerten Blog über seine Liebe zum Pott aus der Sicht eines Hinzugezogenen. Angesprochen auf seine Leidenschaft, Industriedenkmäler mit Kohlestift zu zeichnen bat ich ihn auch, mir ein Bild zu illustrieren. Letztendlich erhielt ich von ihm die Erlaubnis, eine Montage aus mehreren seiner Zeichnungen und den Schriftzügen zu basteln, um diesen Artikel zu schmücken. Besucht ihn auf jedenfall unter: http://www.wahlheimat.ruhr/

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