Eure Armut kotzt mich an!

umweltHalt Stopp, natürlich möchte ich jetzt nicht über arme oder geldbewusste Menschen herziehen. Mit diesem, durchaus provokanten Titel, möchte ich aber schon auf eine aktuelle Problematik aufmerksam machen: Die Gier nach der x-ten Rabatt-Aktion der großen Warenversandhändler und diese widerwertigen Schnäppchenschlachten – höchst asoziale Preise für unser liebstes Hobby. Sparsamkeit, die letztendlich genau die falschen trifft.

Wir alle sparen gerne Geld, wir sind froh wenn wir das ein oder andere Schnäpchen machen dürfen, wenn wir klug verhandeln, wenn wir im Brettspielladen um die Ecke wieder was günstiges mitnehmen dürfen. Jedes Angebot befriedigt das Belohnungssystem unseres Gehirnes. Billig einzukaufen lässt unser Gehirn Endorphine ausstoßen – körpereigene Glückshormone, die uns signalisieren dass wir glücklich haben zu seien sollen. Also nehmen wir die Schnapper gerne mit. Alles super also. Nirgends klappt das ganze jedoch so schnell und einfach wie im Internet, bequemer und fixer als im Geschäft – noch dazu hat nicht jeder eines in seiner Stadt. Das lange gesuchte Brettspiel für deutlich unter dem normalen Einkaufswert? Ab in den digitalen Warenkorb. Jeder Einkauf mit 20%, 30%, 40% Rabatt? Her damit. Und wieder wurde unser Glückshormon ausgeschüttet und wir nach einem stressigen Tag befriedigt. Was ist das für ein geiles Gefühl, wenn der Online-Händler mit Gutscheinen um sich schmeißt. Und wir als Käufer haben den ja mal voll abgezockt, weil wir so günstig wie nie bei ihm eingekauft haben.

Dieses Glück, diese Euphorie sorgt aber noch für etwas anderes: Eine gewisse Blindheit und ein Abhängigkeitsverhalten. Wie jedes Suchtverhalten durch Drogen auch besteht die Gefahr der Abstumpfung. Der Online-Händler mit dem großen A schreitet voran und macht regelmäßig seine Brettspielschnäppchen publik, in immer schneller wiederkehrenden Abständen werden wieder Gutscheine auf den Markt geschmissen, die griechische Mythengestalt zieht hinterher: Wer mit einem 20% Gutschein bestellt erhält im Anschluss daran einen personalisierten 25% Gutschein, den er erneut ausgeben kann. Der Körper stumpft ab und benötigt seine Glücksgefühle im immer schnelleren Rhythmus. Amazon und Thalia machen sich dieses zu nutze und schröpfen ihre Kunden. Was den Verkäufer und den Kunden freut, bestraft im Endeffekt jemand ganz anderes: Sowohl die Spielautoren und Verlage als auch die Fachgeschäfte für Brettspiele sind Leidtragende dieser Schnäppchen. Diese haben keine Chance ihre Produkte auch nur gewinnbringend oder kostendeckend an den Mann zu verkaufen – dabei sind diese die einzigen, die wirklich etwas für „die Szene“ tun. Sicher kann, darf und muss man das Gebahren manches Verlages auch kritisieren dürfen, vorallem wenn Firmen wie Asmodee die „kleineren“ Unternehmen in sich vereinen – aber dennoch sind diese Unternehmen diejenigen, die es den Spieleautoren erst ermöglichen, ihre Titel auf den Markt zu bringen. Sie beliefern die Läden, sie bewerben die Spiele, besuchen Messen und vertreiben die Neuheiten.  Sie sind drauf angewiesen, ihre Spiele gewinnbringend zu verkaufen. Die Läden selbst leisten hervorragende Beratung, organisieren Spieletage und -abende und stehen auch so mit Rat und Tat zur Seite. Bestellt wird trotzdem viel zu häufig, auch nach erfolgreicher Beratung, im Internet. Immerhin lassen sich dort ja 5 Euro sparen. Richtig gut.

Amazon und Thalia haben mittlerweile jedoch leider eine unglaubliche Macht. Sie können einem Verlag nun die Pistole auf die Brust setzen, können ihm eine garantierte Abnahme von (fiktive Zahl) 1.000 Einheiten eines neuen Spieles zusichern und er ist quasi gezwungen, dieses Angebot anzunehmen. Fast egal welchen Mini-Betrag der Großversand dabei anbietet. Denn der Verlag ist auf den Verkauf angewiesen, Amazon muss das Spiel nicht ins Angebot aufnehmen. Der Verlag erhält zwar eine gewisse Reichweite seiner Artikel, gewinnorientiert können diese Dumpingpreise aber nicht sein. Das grenzt an Erpressung. Und diese Rabatte ziehen noch weitere Gefahren mit sich. Auf der Suche nach dem neuesten Tiefpreis neigen viele Konsumenten mittlerweile zu vollkommener Stumpfheit und Gedankenlosigkeit. Auf diesen Zug springen nun leider auch NOCH ganz andere Betrüger auf.

Schon mitbekommen? Stündlich werden die letzten Tage Angebote gepostet, die verlockender, aber auch unmoralischer nicht seien können. Schaut man in die gängigen Foren und Facebook-Gruppen findet man die letzten Tage nun letztendlich auch ein Phänomen, welches seit mindestens 2016 auch in anderen Bereichen publik ist. Amazon.de ist Opfer einer ziemlich rasant wachsenden Anzahl an sogenannten Fake-Shops geworden. Der Begriff „Fake Shop“ könnte ein aussichtsreicher Kandidat für das Unwort des Jahres werden. Bereits seit letztem Jahr kämpft Amazon mit der Problematik, dass sich Verkäufer dort registrieren und zu unverschämt günstigen Preisen anbieten. Manchmal werden auch bestehende Accounts gehackt. Seit einigen Tagen auch im Bereich der Brettspiele. Robinson Crusoe neu für 11 Euro, Carcassone für 3 Euro, Takenoko für 5 Euro usw usf – zu schön um wahr zu sein. Nach dem angeblichen Kauf häufen sich vermehrt Geschäfte des folgenden Typs: Der Handel wird abgebrochen bevor ein Kaufvertrag zustande kommt. Hat der Käufer Interesse an dem Artikel könnte er den Verkäufer anschreiben, dieser würde dafür sorgen dass die Kommunikation an Amazon als Betreiber vorbei läuft, das Geld des Kunden kassieren und der Kunde würde nie wieder etwas vom Verkäufer sehen oder hören – weder Geld noch der Artikel finden ihren Weg (zurück) zum Käufer.

Spätestens seit 2006 weiß ich dass mit Händlern im Internet nicht zu spaßen und höchste Vorsicht geboten ist. Damals fiel ich auf einen Betrüger bei Ebay herein, der eine bestellte Spielekonsole niemals lieferte und sich mit meinem dreistelligen Geldbetrag versuchte aus dem Staub zu machen. Mein Fehler damals: Ich hatte nicht auf die Bewertungen in seinem Ebay-Profil geachtet. Mag man von Portalen wie ebay oder Amazon halten was man will, aber immerhin bieten diese ihren Käufern ein gewisses Maß an Sicherheit. Nach sehr transparenten Regeln lassen sich dort Bewertungen, Kontaktdaten und Erfahrungsberichte mit Verkäufern einsehen. Jeder sollte die Kenntnisse haben, diese Informationen zu sichten und einzuschätzen. Von daher verstehe ich nicht, wie viele Nutzer zurzeit auf die gefakten Angebote bei Amazon hereinfallen. Im aktuellen Fall handelt es sich oftmals sogar um uralte, aber immer noch aktive Konten von Händlern, oftmals dazu sogar „themenfremde“ – da verkauft zB ein Schwimmbad- und Pool-Händler plötzlich Brettspiele, DVDs oder Fernseher zum Spottpreis, dessen letzte Bewertungen aus dem Jahr 2012 stammen – und alle flippen aus und wollen sich auf die günstigen Preise stürzen. Jedem, der auch nur ein bisschen firm in Sachen Internet ist, sollte hier dran auffallen, das etwas nicht stimmt.

Mittlerweile ist mein Mitleid aber auch vorbei. Ich hab keine Lust mehr nun jedem auf jede Anfrage zu erklären, das sein gefundenes vermeintliches Angebot schlichtweg unseriös ist. Wer sich im Internet herumtreibt, sollte es auch nutzen können. Wer sich nur auf Händler wie Thalia ode Amazon verlässt anstatt seinen Brettspielladen um die Ecke oder einen der zuverlässigen Szenehändler zu unterstützen, ist selbst Schuld wenn er dort auf die Schnauze fällt. Hört bitte auf nur den Schnäppchen nachzulaufen – zahlt das, was die Spiele auch wert sind.

Diese Fake-Shops auf den gängigen Internetportalen sind nämlich exakt die Geister, die ihr selber gerufen habt. Nur durch die blinde Einkaufswut nach den günstigsten Artikeln werden Betrüger auf diese Maschen gebracht. Ich zahle lieber meine 10 Euro mehr und nehme eine kleine Anfahrt in Kauf und tue etwas Gutes in dem ich weiß, wo man Geld landet anstatt es den Großen in den Rachen zu schmeißen.

Ich selbst kaufe und bestelle meine Bücher mittlerweile nur noch bei einem lokalen Händler für Kinderspielzeug. Die Familie des Betreibers hatte mit ihrer Buchhandlung eine jahrzehntealte Verbundenheit zur Stadt – bis sie völlig von der örtlichen Thalia-Filliale zersetzt wurde. Die haben sich genau gegenüber angesiedelt, die Mitarbeiter abgeworben und den Einzelhändler platt gemacht. Der Sohn der Familie hat dann auf Kinderspielzeug und Babybedarf umgeschwenkt, hat aber immer noch die Logistik, Bücher bei den Verlagen zu bestellen.

Meine Spiele stammen mittlerweile vornehmlich von den Verlagen oder Autoren selbst. Dazu habe ich das Glück, in Essen zwei Brettspielehändler ansässig zu haben, welche gerne und gut unterstützt werden. Ich bin überzeugt dass jeder mit wenig Aufwand auch seinen Beitrag zur Unterstützung unserer Szene leisten kann. Sei es beim Händler um die Ecke oder im – vernünftigen – Online-Shop seiner Wahl. Und nicht bei den Profiteuren des Geizes. Schnäppchen sind schön und gut, aber bitte nicht mehr um jeden Preis.

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