Target for Today – Ein solitäres Kammerspiel im Herzen der Finsternis

Seit kurzer Zeit taucht Sebastian L. in die Tiefen historischer Spiele und Cosims ab. Heute geht es für ihn hoch hinaus: Er widmet sich dem solitären Brettspiel-Flugsimulator Targets for Today von Steve Dixon und Shawn Rife, veröffentlicht 2017 im Legion Wargames-Strategiespieleverlag. Ich bin glücklich, seinen Erlebnisbericht als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen:
IMG_20171007_135422Ein dunkles Kapitel

Frankreich, August 1942. Wie ein Damoklesschwert liegt die pechschwarze Wolkendecke über der Atlantikküste, als wolle der Himmel selbst die Augen vor der Hölle in 10.000 Metern Höhe verschließen. Begleitet von dem hypnotischen Dröhnen der Wright-Sternmotoren bahnen sich die B-17-Bomber der 8. US-Luftflotte, die „Mighty Eighth“, ihren zerstörerischen Weg in das vergiftete Herz der Grande Nation. Ihnen gegenüber blasen die Maschinen der Wehrmacht zur erbarmungslosen Jagd auf die schwerfälligen Riesen mit der tödlichen Fracht. In Mitten der infernalen Sinfonie aus Maschinengewehr-Salven, Funkenschlag und Rauchschwaden, stets den Fängen der grimmigen Fortuna ausgeliefert, gleitet unser stählernes Zuhause in diesen schrecklichen Tagen in Richtung Zielzone: Die Flying Meadows.

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In Target for Today verantworten wir das Schicksal einer zehnköpfigen Bomberbesatzung im Luftkampf gegen das Deutsche Reich.

Target for Today breitet im Bauch eines alliierten Bombers die Bühne für ein Kammerspiel im Zweiten Weltkrieg aus. Uns obliegt die Obhut einer einzelnen Maschine sowie deren mindestens zehnköpfigen Besatzung, die wir Tag für Tag auf dem Staffelflug in das Herz der Finsternis begleiten. Wir kennen ihre Namen und Herkunft, zittern mit ihnen im apokalyptischen Flakfeuer über Berlin und stellen uns den deutschen Wunderwaffen mit ihren angsteinflößenden Strahltriebwerken. Am Ende tragen wir viele von ihnen auch zu Grabe. Und starten doch am Tag darauf erneut ins Ungewisse. Wieder und wieder, bis es zur letzten Stunde in Europa schlägt und der Wahnsinn ein Ende hat. Das sind unsere Jungs.

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2017 veröffentlichte der Strategiespieleverlag Legion Wargames dieses Solitärspiel von Steve Dixon und Shawn Rife.

Das im Sommer 2017 veröffentlichte Target for Today referenziert den Avalon-Hill-Klassiker B-17: Queen of the Skies bereits auf den ersten Seiten des Handbuchs und schickt sich an, dessen Nachfolger im Geiste zu werden. Abermals bemannen wir einen amerikanischen Bomber im Zweiten Weltkrieg und lauschen den Geschichten, die die Würfel erzählen. Jedes noch so kleine Detail der Solitaire-Flugsimulation liegt in der Hand von Fortuna sowie den akribisch ausgearbeiteten Mechanismen und Ereignistabellen, die Steve Dixon und Bob Best auf Grundlage von Archivmaterial, Interviews und Missionsberichten der 8. und 15. US-Luftflotte entworfen haben. Die Arbeit der beiden grenzt an Besessenheit, wie bereits ein flüchtiger Blick in den Gazetter, eines von vier Hand- und Regelbüchern des Spiels zeigt. Dort werden auf knapp 60 Seiten unzählige Einsatzziele der portraitierten Bomberverbände aufgelistet, die diese im Verlauf des Krieges angeflogen haben.

Vor jeder Mission entscheiden die Würfel – in Abhängigkeit der gewählten Luftflotte und des Zeitraums – über das aktuelle Ziel und die Route dahin. Auf speziellen Papierbögen (besser noch auf deren Kopien!) notieren wir dies Sektor für Sektor händisch. Ebenso wie das Wetter, das Datum, die Stärke unserer Begleitjäger, das erwarte Feindaufkommen und – neben weiteren Einflussfaktoren – natürlich das Wichtigste, die Namen der Besatzungsmitglieder sowie den unserer Fliegenden Festung, der Flying Meadows. Die letzten beiden Punkte sind theoretisch von ausschließlich kosmetischer Natur, und dennoch entscheidend für die Immersion, das Eintauchen in die Erlebnisse nunmehr „unserer Jungs“, die uns über die gesamte Länge der Kampagne begleiten.

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Ähnlich eines Pen-and-Paper-Rollenspiels wird jeglicher Fortschritt und jedes Detail der Flüge in Mission Log Sheets festgehalten – das Logbuch des Flugkapitäns wird zum historischen Dokument der Kriegseinsätze.

Hoch hinaus
Target for Today verliert sich beinahe in den Details und bietet zudem optimale Regeln, für noch mehr Tiefgang. Wenn der Gegner seine Geschosse in unserem Rumpf versenkt, reduzieren wir nicht etwa die Punkte einer imaginären Lebensskala. Die Würfel fällen das Urteil über jede Kugel und die zum Teil verheerenden Folgenden. Ein Treffer im Cockpit verletzt oder tötet im schlimmsten Fall den Piloten. Glimpflicher kommen wir davon, wenn „nur“ die Instrumente zerstört werden oder ein oberflächlicher Schaden entsteht. Erwischt es hingegen die Bordschützen, müssen wir die Mannschaft rotieren lassen. Ein defektes Triebwerk steckt die B-17 weg, aber ohne die volle Schubkraft können wir nicht im Schutz der Formation bleiben. Riskieren wir den Verlust an Sicherheit oder werfen wir die Bomben an Ort und Stelle ab? Sollte noch ein Triebwerk in Flammen aufgegangen, sind wir sogar gezwungen das Gewicht zu reduzieren. Die Liste der kleinen und großen Katastrophen ließe sich beliebig fortsetzen; hier brilliert der Titel.

Einzelne Details und Ergebnisse setzen sich zu einem narrativen Ganzen zusammen und rücken jede Mission in ein individuelles Licht, das jedoch nur in der Fantasie des Spielers hell erstrahlt. Nüchtern betrachtet gleicht Target for Today einer schier endlosen Aneinanderreihung vom Würfelwürfen, die obendrein in fester Reihenfolge geschehen. Der Zufall bestimmt das Wetter, die Anzahl gegnerischer Angriffswellen, die Position und Erfahrung der Feinde sowie – nachdem wir unseren Schützen als erste Eigenleistung Ziele zugewiesen haben – den mitunter tödlichen Ausgang jeglicher Konfrontation. Tabelle für Tabelle werden die Ergebnisse der Würfel abgetragen und listenweise auf mögliche Modifikationen hin untersucht, die deren Augenzahl nochmals ändern. Angefangen vom Angriffsvektor der feindlichen Jäger über unseren Platz in der Bomberformation bis hin zum Status der Bordhydraulik kann jeder Faktor das Zünglein an der Waage darstellen und über den weiteren Verlauf der Mission entscheiden.

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Wieder und wieder treffen wir auf die Abfangjager der Deutschen über der Festung Europa.

Stumme Beobachter
Während wir der Flugbahn jeder einzelnen Kugel durch die Querverweise in den Tabellen folgen, sind wir dazu verdammt Fortuna um Gnade zu bitten, denn einen echten Einfluss auf das Spiel können wir nicht wirken. Wir befehligen die Mannschaft an die Bordgeschütze, weisen ihnen Ziele zum Abschluss zu, versorgen die Verletzten und verteilen in höchster Not Fallschirme. Einen größeren Handlungsspielraum oder gar Entscheidungen bezüglich der Taktik und Strategie des Bombardements räumt uns Target for Today in der Regel nicht ein. Wir wohnen dem (höchst spannenden) Drama über den Wolken die meiste Zeit als passiver Zuschauer bei. Und als dessen Chronist.

Wie in einem Pen-&-Paper-Rollenspiel sind wir gezwungen über jedes Detail Buch zu führen, die Fülle an Informationen lässt keine Alternative zu. Auf den mitgelieferten Spielunterlagen arrangieren wir die feindlichen Jäger und bemannen die verschiedenen Stationen der Flying Meadows, aber das sind makroskopische Details im Vergleich zu den händisch geführten Flugbüchern. Hier notieren wir die Waffen mit Ladehemmung, haben ein Auge auf den Munitionsvorrat und vermerken jeden noch so kleinen Schaden (oder dessen Reparatur) an der Maschine – und sei es eine blockierte Bremse am Fahrwerk. Das bedeutet Arbeit, das muss man mögen. Und doch lohnt die Mühe, die uns wieder ein Stück näher an die Ereignisse in 10.000 Metern Höhe rückt. Zudem kann man die Aufzeichnungen als eine Art Spielstand benutzen und unterbrochene Partien jederzeit fortführen.

Ein Fazit
Target for Today lässt uns Teilhaben an dem Alltag einer amerikanischen Bomberbesatzung im Zweiten Weltkrieg. Das Regelwerk besticht mit unzähligen Details und Feinheiten, die der Flugsimulation einen außergewöhnlichen Grad an Plastizität und Komplexität verleihen. Die vier Hand- und Regelbücher umfasse  knapp 150 Seiten und dokumentieren sehr anschaulich, welche Akribie die Designer Steve Dixon und Bob Best an den Tag gelegt haben. Das Ergebnis ist eine kompromisslose Solitaire-Erfahrung, die ohne Zweifel ein sehr spezielles Publikum adressiert.

So stark die Narration des Titels auch ist, am Ende findet sie ausschließlich im Kopf des Spielers statt, der sich permanent durch unzählige Tabellen und handschriftliche Notizen arbeiten muss. Es gibt kaum Elemente im Spiel, die wir aktiv gestalten und entscheiden können, sodass unser Schicksal in der Regel durch die Würfel bestimmt wird. Das Spiel bietet keinen Raum für eigene Strategien und Taktiken, aber anders erging es den Bombermannschaften im Zweiten Weltkrieg auch nicht. Die Frage, wie viel Spiel am Ende tatsächlich im Spiel steckt und ob dies den eigenen Ansprüchen genügt, muss jeder für sich selbst beantworten. Target for Today ist kein Titel für jedermann, den man bedenkenlos empfehlen kann. Ganz im Gegenteil: Die gebotene Erfahrung muss man wollen oder sich zumindest darauf einlassen können. Nur dann wird man Freude mit dem Titel haben.

 

 

„Target for today – Bombers over the Reich, 1942 – 1945“
von Steve Dixon und Shawn Rife (Legion Wargames)

1 Spieler ab 12 Jahren. Dauer: ca. 45 – 90 Minuten

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