This War of Mine – Eine Enttäuschung in Hochglanz [Rezension]

edfÜber Kickstarter finanzierte Projekte sind ja immer so ein gewisses Risiko – sowohl die Starter einer Crowdfunding-Kampagne als auch die unterstützungswillige Fanbasis wissen zu Beginn nicht genau, was auf sie zukommt. Oft genug scheiterten die Projekte und machten die Träume der Künstler zunichte. Oder die Projekte gingen durch die Decke, hinterließen aber eine Menge Enttäuschung bei den Geldgebern. Mein letzter Kickstarter war eine bittere Enttäuschung, sogar eine in Hochglanzoptik: This War of Mine – Das Brettspiel (Awaken Realms):
Als mir vor einiger Zeit ein großes, drei kilo schweres Paket vor der Haustür überreicht wurde, staunte ich nicht schlecht über das, was ich da bekam. Ich hatte nichts bestellt, ich erwartete eigentlich auch nichts und sowieso, mit DPD arbeite ich auch nie. Der einzige Hinweis: Wenige Tage vorher hatte ich eine E-Mail des Paketdienstes erhalten, laut deren Informationen sich ein Paket aus Polen zu mir befinden sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte gerade die erste Lieferwelle von This War of Mine begonnen. Der Sitz des Herstellers: Polen. Aber ich war doch gar nicht am Crowdfunding via Kickstarter beteiligt, oder?

Fast 10.000 Unterstützer weltweit hatten sich an der Unterstützerkampagne zu This War of Mine beteiligt. Fast 10.000 Unterstützer mit einem finanziellen Gesamtvolumen von über 700.000 Euro hatten dieses Brettspiel ermöglicht, welches in die Fußstapfen seines Videospielbruders treten soll. Auf der Playstation 4 hatte mich This War of Mine bereits gepackt. Ich bin sonst weniger ein Konsolenkind, wenn ich spiele, dann eher storylastige Spiele, bei denen es nicht auf irgendwelchen Skill oder besondere Reflexe ankommt. This War of Mine hatte mich auf der Konsole gefesselt gehabt. Dieses Videospiel nahm mich als Spieler mit in ein Szenario eines fiktiven Krieges und ließ mich die Überlebenden steuern, täglich auf der Suche nach Nahrung und Medikamenten, nach Schutz und Überleben. Vorallem ließ uns das Spiel aber an moralische Grenzen stoßen. Was macht es mit dem Charakter, wenn man des bloßen Überlebens wegen die Mitmenschen noch berauben (oder töten?) muss, die eh selbst nichts haben? Ein Thema, welches mich auf der Konsole schwer beeindruckt hatte.

Der polnische Miniaturenhersteller Awaken Realms wollte seine Kampagne dazu nutzen, dieses Erlebnis auch den Spielern fernab der Spielekonsolen und PCs mitzugeben. Innerhalb von drei Stunden war das Brettspiel im Mai 2016 finanziert, die Fanbasis wollte also ihr Spiel. Eigentlich war ich im Glauben für kooperative Spiele eh keine Spieler zu finden und This War of Mine damit schweren Herzens ausgelassen zu haben. Sowohl das Paket aus Polen als auch der Blick in meine Paypal-Abrechnung straften mich Lügen. Ich hatte tatsächlich irgendwann also mal meine Unterstützung zugesichert.
Nunja, ich gehe jetzt aktuell auf das 31. Lebensjahr zu, ich scheine vergesslich zu werden im Laufe der Zeit. Im Laufe der Kampagne wurde ich 30 – dieses eine Jahr ändert natürlich so einiges. Man selbst ändert sich, Freunde stutzen einen zurecht und geistige Reife und geistige Leistung spielen ein wildes Tauziehen. Und diese doofe Vergesslichkeit im Alter.

Ein markantes Problem welches mir oft bei Crowdfunding-Kampagnen auffällt: Zwischen Unterstützung und Auslieferung des Projektes können mehrere Jahre vergehen. Im Falle von This War of Mine waren es noch immer anderthalb davon. In unserem Brettspielkosmos ist das eine lange Zeit, jeder weiß selbst ganz genau wieviele Spiele sich in diesem Zeitraum bei einem neu im Regal ansammeln. Dazwischen war zwei mal die Spielemesse in Essen. Da geht so ein kleines Crowdfunding gerne mal unter.

Aber auch so ändert sich der Spielegeschmack mitunter auch mal auf ganz natürlichem Wege. Wenn das Spiel letztlich ausgeliefert wird ist oft die Enttäuschung und das Unverständnis groß. „Warum hatte ich DAS denn gefördert?“ scheint sich mancher häufiger zu fragen als es ihm lieb ist – darauf deuten auch die Verkaufsangebote vieler Kickstarter-Titel hin welche kurz nach Release oft schon wieder in den bekannten Facebook-Gruppen verkauft werden. Ich selbst habe sowohl This War of Mine nun schon einige Male gespielt als auch auch mit anderen Personen darüber gesprochen. Wir waren uns alle einig, was die Enttäuschung angeht. Verkaufen will ich das Spiel trotzdem nicht. Und ich verrate euch auch gerne warum:

Ich bin kein Freund davon einen ausführlichen Blick auf das Regelwerk von Spielen zu geben. Hier ist dies leider unausweichlich, obwohl die Regeln nicht wirklich fordernd sind. Typisch Ameritrash halt. This War of Mine ist ein kooperatives Brettspiel, ausgestattet mit jeder Menge Plastik und Miniaturen. Dazu eine Menge Lesematerial und vorallem Spielkarten. Über 400 derer sind es wohl. Entgegen anderer kooperativer Spiele übernimmt hier nicht jeder Mitspieler einen eigenen Charakter. Der Spieler, der an der Reihe ist ist hauptverantwortlich für die Aktionen der einzelnen Charaktere. Gemeinsam soll diskutiert und das zukünftige Handeln abgestimmt werden, ausführen darf allerdings nur einer. In etwa so, als wenn der Controller der Spielekonsole herumgereicht werden würde und zu einem fixen Zeitpunkt weitergereicht wird. Das Spielbrett stellt den Unterschlupf unserer Charaktere da, so wie man ihn gerade vorgefunden hat. Auf dem Spielbrett sind verschieden benannte Felder, auf denen sich entsprechend die Karten sortiert befinden. Der Übersichtlichkeit wegen zeige ich euch einfach mal den Spielplan – und vielleicht fällt euch schon was auf. Mit der Übersichtlichkeit ist es nämlich gar nicht mal so einfach.
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Tatsächlich haben wir es im Laufe des Spiels nämlich mit 15 verschiedenen Kartenarten zu tun die im Laufe einer Spielrunde von Bedeutung für uns seien sollen. Die Spielrunde beginnt mit dem Ziehen einer Ereigniskarte. Die Ereigniskarten haben meistens farbig markierte Zahlen am unteren Rand. Um das Ereignis genau zu definieren wird eine Karte vom „Farben“ benannten Stapel gezogen. Dieser besteht aus fünf Karten, auf denen je eine Farbe genannt wird. Die in dieser Farbe markierte Zahl der Ereigniskarte wird im Skript-Handbuch nachgeschlagen, einem dicken Wälzer mit knapp 2000 Ereignissen. Also wird die entsprechende Ziffer herausgesucht und vorgelesen. Geschehen ist bis hierhin noch NICHTS.

Jeder Charakter hat nun drei Aktionen zu tätigen. Als erstes am wichtigsten könnte es sein, die im Haus befindlichen Hindernisse (Schutthaufen, Türen, Gitter) beiseite zu räumen. Der Charakter würde in diesem Fall also zB auf eine „Schutt“-Karte bewegt werden, diese wird umgedreht und vorgelesen. Die dort aufgedruckten Ressourcen werden ins Lager gelegt. Manche dieser Karten sind unpassierbar und benötigen gewisse Werkzeuge wie Schaufeln oder Dietriche, diese müssen sich im Lager befinden. Eine weitere Aktion wäre das Bauen von Konstruktionen. Dazu wird vom entsprechenden Stapel eine Konstruktion gewählt, die Kosten in Höhe der darauf gedruckten Ressourcen aus dem Lager genommen und bezahlt und die Konstruktion auf eine freie Fläche im Haus platziert. Daneben befindet sich der Ideen-Stapel. Ideen sind Konstruktionen, die man sich noch ausdenken kann….Ich kürze das hier jetzt übrigens mal ein bisschen ab, das wird sonst zu verrückt.

Es befinden sich noch Orte auf der Karte. Orte sind Möglichkeiten um auf Beutezug zu gehen, also Ressourcen zu suchen. Die Zahl neben einem Ortsfeld entspricht der Anzahl an Karten, die man vom „Erkundung“-Stapel zu ziehen hat. Während eines Beutezuges kann es zu „Begegnungen“ kommen und es können „Fundsachen“ aufgenommen werden – alles angezeigt durch einen eigenen Kartensatz und getriggert durch Hinweise auf den  Karten.

Natürlich, in schweren Zeiten muss man mit allem rechnen. Hin und wieder wird ein „Nächtlicher Überfall“ auf das Haus unserer Überlebenden gestartet. Dieser wird abgehandelt durch die entsprechende Karte und einer Modifikation aus Würfeln, im Haus ausliegender Schutzmaßnahmen und gesammelter Waffen. Sind auch diese Angriffe überstanden werden die nachts erbeuteten Ressourcen eingelagert, eventuelle durch den Überfall geklaute Ressourcen entfernt und Verletzungen abgehandelt. Eine „Schicksal“-Karte wird gezogen und eine Erzählaktion folgt – hin und wieder kann es sogar noch sein dass ein neuer Charakter oder ein Händler das Haus unserer vom Kartenziehen eh schon genervten Truppe aufsucht. Auch dafür gibt’s entsprechende Karten.

Allein im Grundspiel sind es, ihr könnt gerne nachzählen, 15 verschiedene Kartentypen.  Der komplette Pledge aus dem Kickstarter kommt mit noch mehr, modular nutzbaren Erweiterungspaketen. Noch mehr Karten, noch mehr zu lesen. Und so, liebe Autoren, funktioniert kein gutes Gamedesign. Positiv ausgedrückt: Jede noch so kleine erdenkliche Möglichkeit aus dem Videospiel wird hier nachgestellt. Doch was an der Konsole im Hintergrund der Prozessor regelt, muss hier händisch durch´s Immer-wieder-Nachziehen von Karten, dem Lesen, Umsetzen, zurücklegen und aussortieren abgearbeitet werden. Während mich auf der Playstation die Soundkulisse und die Geräusche fest in ihren Bann sogen und ein Gefühl der Beklemmung erzeugen, fühle ich mich hier wie im Rahmen eines Bürojobs als Aktensortierer. Mehr Verwaltung als Spiel, und vorallem fehlt jegliche Immersion. Nie fühl ich mich in die Rolle der Charaktere hineinversetzt. Auf der Konsole, hier kann ich es ja zugeben, hatte ich mehr als einmal einen Kloß im Hals und hab die ein oder andere Träne herunterschlucken müssen. Als Brettspiel funktioniert das ganze Konzept hier nicht. Nicht, wenn man mehr an Kartenstapeln zu knabbern hat als an moralischen Grenzgängen.

Ich verstehe durchaus warum Awaken Realms bzw die Spieleautoren Michal Oracz und Jakub Wisniewski das Spiel so designt haben wie es jetzt ist. Ich denke mal dass die Vorgabe war wirklich nah dran am Originalmaterial zu bleiben. Der Spielplan entspricht 1:1 dem Haus aus der Videospielversion, die Charaktere aus dem Spiel finden sich hier wieder und ganze Texte sind komplett übernommen worden. Aber in diesem Fall war das die falsche Entscheidung. This War of Mine hätte weniger Material, weniger Möglichkeiten, weniger Hochglanz wahrscheinlich gut getan. Hätte man sich nicht etwas mehr vom Videospiel lösen können?

Als bestes Gegenbeispiel zu This War of Mine sei hier vielleicht nochmal auf „Raid on Taihoku“ hingewiesen. Leser meiner Facebook-Seite (https://www.facebook.com/spielkinder.essen/) werden das Spiel von Moaideas Gamedesign vielleicht schon auf meiner Top 12-Liste der Titel aus dem letzten Jahr gesehen haben. Mit einem ähnlichen Setting und viel weniger Material zieht Raid on Taihoku einem so sehr den Boden unter den Füßen weg, verzichtet dabei aber auf den Hochglanz und die zahlreichen Plastikfiguren eines This War of Mine. Es erschlägt einen eher mit sehr düsteren Texten und Illustrationen rund um eine taiwanesische Familie in den Trümmern ihrer durch die Japaner besetzten und durch die Amerikaner angegriffenen Stadt.dav

Was This War of Mine tatsächlich ausmacht, und ich vermute dass aus diesem Grund viele auch das Projekt finanziert haben, sind die Miniaturen. 26 Miniaturen zu den verschiedenen Charakteren, zu Haustieren, Soldaten und und dem Nachwuchs aus der „Kinder“-Erweiterung sind Bestandteil des kompletten Kickstarter-Paketes. Optisch wirkt das zusammen mit den Computergrafiken und der Karten ja wirklich super, rettet das Spiel für mich aber leider doch nicht.

Ich hatte vorhin mein Alter angesprochen, und dass es immer Freunde gibt die einen zurechtstutzen. Aus diesem Grund will ich This War of Mine eigentlich trotz meiner Enttäuschung noch gar nicht abgeben. Stattdessen wünsche ich mir diesem Spiel ein paar gute Freunde. Und wenn diese Freunde ähnlich empfinden wie ich und sich vielleicht ein bisschen Mühe machen, könnten die sich ja vielleicht die ein oder andere Modifikation ausdenken. Vielleicht schafft es der Freundeskreis mit einigen Hausregeln und basierend auf dem ganzen Material welches der Schachtel beiliegt, ein deutlich zugänglicheres und intuitiveres Spiel zu entwickeln. Zu Wünschen wäre es diesem echt spannenden Thema zumindest mal. Gerade dem Bereich Brettspiel tut ein ernstes Thema verbunden mit einer kulturellen Debatte sicherlich ganz gut. Sollte das nicht passieren, so gratuliere ich Awaken Realms trotzdem an dieser Stelle: Ohne Anpassungen stellt This War of Mine – Das Brettspiel wahrscheinlich mit seinem 700.000 Euro-Funding die teuerste Werbekampagne für ein 20 Euro Videospiel aller Zeiten dar –  denn auf dieses hab ich nach der ganzen Kartenzieherei definitiv mehr Lust. dav

Überraschenderweise befand sich im Kickstarter-Paket noch eine Promo-Miniatur zum kommenden Awaken Reals Brettspiel „Lords of Hellas“ – da mich weder das Setting anspricht noch ich Freude am Figuren bemalen habe, würde ich diese Miniatur gerne verlosen. Um die Überraschung auch für euch hoch zu halten öffne ich das kleine Päckchen nicht und werde die Figur auch nicht zeigen. Liket zum Gewinnen doch bitte einfach meine Facebook-Seite (https://www.facebook.com/spielkinder.essen/) und lasst einen Kommentar unter dem Gewinnspiel-Post.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen und ich bin alleine verantwortlich für die Ausführung des Gewinnspiels.

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2 Kommentare zu „This War of Mine – Eine Enttäuschung in Hochglanz [Rezension]“

  1. Kann den Artikel fast gar nicht nachvollziehen und null zustimmen… Das ganze Spiel mehr ein Kunstwerk und ein Meilenstein der Brettspiel Industrie… Nie wurde das Thema Krieg so nah gekommen, die Atmosphäre ist „großartig“. Das sollte man vielleicht nicht im Zusammenhang mit Krieg nennen aber lässt man mal die political Correctness weg stimmt es zu 100%. Es ist das erste richtige ANTIkriegsspiel im Brettspielformat. Ja ab und zu harkt es mit den Regeln und man ist sich nicht ganz sicher ober es so wie gespielt richtig ist. Aber das steht am Anfang der Regel auch so in der Art drin. Es ist ein on the Fly Regel Einstieg und es geht nicht darum das Spiel zu 100% korrekt zu spielen sondern um die Atmosphere….
    Für mich eins der besten Spiele des Jahrgangs 2017….

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  2. Bei mir ist es noch nicht angekommen, weswegen ich zur Zeit noch gespannt warte.

    Meine Hoffnung ist, dass es etwas in Richtung 7th Continent geht, was ich super finde aber auch die totale Kartenschlacht ist, meine Befürchtung ist, dass es Richtung World of Warcraft das Brettspiel geht, bei dem ich mir nur dachte „wow, so genau das Computerspiel nachgestellt, cool. Wenns nur nicht so aufwändig wäre den ganzen Kram nachzuhalten. Ich wünschte ich hätte einen Computer, der das für mich macht…oh, moment…“

    Wobei ich mit deiner Anregung sich vom Computerspiel zu entfernen auch nur begrenzt was anfangen kann. X-COM, The Witcher und „Das World of Warcraft Abenteuerspiel“ haben das gemacht und die fand ich alle eher nicht so toll.

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